Zum Denken fahren wir nach Wittenberg

Am 24.09. stiegen sieben verhüllte Gestalten im Nebel des Mittags in einen Zug. Eine von ihnen stach hervor, anderswo nannte man sie auch "Herr Morgenstern". So machte sich dieser mit seinen sechs treuen und folgsamen Rittern auf den Weg nach Wittenberg. Den Rittern sagte man nach, dass sie die elfte Klasse besuchten und zumindest vorgaben, Spaß am Denken zu haben.
Doch was sollte nun geschehen? Dieses Geheimnis sollte bald gelüftet werden: gemeinsam mit Schülern des Melanchton-Gymnasiums aus Nürnberg sollte ein Seminar zum Thema "Toleranz" stattfinden.
Eingebettet war es im Projekt "DenkWege zu Luther", welches zum Reformationsjubiläum bundesweit Seminare veranstaltet.
Was aber geschah nun in dieser Woche, die man Studienfahrt nannte und die den Titel "Was Melanchtons und Immanuel Kants Enkel über Toleranz denken" trug?
Im Laufe der Woche wurden wir des "T-Wortes" überdrüssig und fanden Synonyme wie "Langmut" oder "Hochherzigkeit".
Neben lebhaften Diskussionen und Planspielen lernten wir auch über Kants und Melanchtons Ansichten zum Thema.
Nach und nach machte sich eine besondere Stimmung breit: die alten Gemäuer, intensive Arbeit an mehrseitigen Texten, stundenlanges Argumentieren, eine Dauerzufuhr an Kaffee und die Abende, die man in einer von zwei Bars in Wittenberg ausklingen lässt. Einige von uns fühlten sich wie Studenten an einer alten, englischen Uni.
Das Thema hingegen wurde nie ermüdend. Es ist tatsächlich in alle Richtungen ausweitbar. Es existiert keine absolute Wahrheit, deshalb sollte man andere Ansichten dulden- oder tolerieren. Ist es intolerant, Intoleranz nicht zu tolerieren? Kann man Menschen Toleranz anerziehen und ist das die Aufgabe der Bildung? Kann es eine einheitliche Toleranzgrenze geben?
Ihr merkt, am Ende hat man mehr Fragen als Antworten. Aber diesen Spruch nutzt Herr Morgenstern ja auch so als Aushängeschild (Abschreckung?) für seinen Philosophieunterricht.
Nicht nur die geistige Betätigung auf hohem Niveau machte Spaß. Auch vom Austausch mit den Nürnberger Schülern profitierten wir. Und sei es das bisschen Fränkisch, was wir uns in der Zeit aneigneten.
Dadurch, dass das Seminar so abwechslungsreich gestaltet war und an verschiedenen Orten stattfand, kam kaum Langeweile auf. Geschichte, Philosophie und Religion ist öde? So a Gschmarri!
Insgesamt würde man die Woche als eine "bereichernde Erfahrung" bezeichnen. Doch in der Tat brachte sie jedem von uns etwas und hätten wir die Möglichkeit nochmal, so würden wir sie nutzen.
An den Schluss möchte ich gern ein Zitat von Robert Lee Frost setzen, welches wir diskutierten:
"Toleranz ist das unbehagliche Gefühl, der andere könnte am Ende doch recht haben."

Patricia Machmutoff